Historisches aus Neuthard: 

Brauchtum im Wandel: 

Das Ende der Johannisfeuer


In seiner Chronik blickte Pfarrer Lang auf eine Zeit zurück, in der das Johannisfest ein anderes Gesicht trug. Wo heute andächtige Stille herrscht, tobte einst ein Treiben, das dem Klerus ein Dorn im Auge war. Heute ist dieser „heidnischen Brauch“ endgültig beendet.
Das Fest zum Gedenken an den heiligen Johannes den Täufer war in Neuthard über Generationen hinweg untrennbar mit dem Entzünden des Johannisfeuers verbunden. Wie Pfarrer Lang in seinen Papieren festhält, galt dies als feste Tradition: „Am Feste des hl. Johannes des Täufers wird vielfach das Johannisfeuer angezündet. So war es ehemals auch hier.“
Doch der Bericht zeigt auch die Schattenseiten der Feierlichkeiten auf, die wenig mit christlicher Demut zu tun hatten. In den Schriften eines Vorgängers, Pfarrer Hebenstreit (v. 1739 bis 1768 in Neuthard), wird das bunte und wilde Treiben drastisch geschildert: „Des Tags hindurch wurde getrunken und getanzt, bey der Nacht wurden Feuer angezündet“, notierte er kritisch.
Besonders der „Feuersprung“ stand im Zentrum des Geschehens. Laut der Chronik „sprangen Mägdelein und Buben über dasselbe“, getrieben von der Hoffnung, sich so „vor Fieber und anderem Übel zu schützen“. Doch nicht nur die Jugend war auf den Beinen. Hebenstreit beschreibt eindringlich, wie „auch alte Weiber aus vollem Halse rufend“ die Flammen umringten. Ihr Schrei – „so hoch wachset mein Flachs“ – zeugte von der tiefen Überzeugung, „dadurch werde das Wachstum des Flachses gefördert“.
Dass dieses Spektakel heute nicht mehr stattfindet, ist kein Zufall. In der Chronik wird deutlich hervorgehoben, dass es sich um einen „ursprünglich heidnischen Brauch“ handelte, dem die Kirche mit Argwohn begegnete. Die Konsequenz folgte prompt: „Auf Betreiben des Pfarrers Hebenstreit ist das Johannisfeuer verschwunden.“
Damit endete ein Kapitel lokaler Volkskultur, das den schmalen Grat zwischen christlichem Feiertag und altem Aberglauben über Jahrhunderte hinweg markierte.