Erinnerungen an das Heimatdorf


Diese Woche wurden zwei wichtige Gedenktage gefeiert: der Tag der deutschen Einwanderung in Brasilien am 25. Juli und der Großelterntag am 26. Juli. Der erste erinnert an die Ankunft der ersten deutschen Siedler in São Leopoldo, Rio Grande do Sul. Der zweite wird vor allem in Brasilien und Portugal gefeiert, Ländern mit einer starken katholischen Tradition, da es der Tag der Heiligen Anna und des Heiligen Joachim ist, die als Großeltern Jesu gelten.
Im digitalen Zeitalter, in dem wir leben, war es mein Smartphone, das mich an diese Gedenktage erinnert hat. Still und leise begannen Gedanken über meine Vorfahren in meinem Kopf aufzutauchen und ich ließ meine Fantasie vor dem Bildschirm meines Laptops freien Lauf.
... In einem fernen Land wächst ein deutsches Dorf – man schrieb das Jahr 1860.
Nach ihrer Ankunft mussten die deutschen Kolonisten im damaligen dünn besiedelten Kolonie Itajahy-Brusque im Südbrasiliens hart arbeiten: Sie rodeten mühsam den dichten Regenwald mit seinen riesigen Bäumen, bauten Straßen, Häuser und Schuppen, Kirchen und Schulen und sorgten damit für eine Infrastruktur. Um die kinderreiche Familie zu ernähren, betrieben sie Landwirtschaft und Viehzucht.
Vielleicht haben sie sich nach einem harten Arbeitstag auf dem Feld auf der Veranda des Holzhauses versammelt, um zu plaudern und auf Deutsch zu singen. Vertraute Lieder, die die wehmütigen Erinnerungen an das liebe Heimatdorf im Baden abrufen.
Tief versunken in Gedanken, versetzte ich mich ins 19. Jahrhundert und konnte fast die Not meiner Vorfahren spüren... mir liefen Tränen über die Wangen.
Wie haben sich die Erlebnisse des Abschieds, die Trennung von Familienangehörigen in Baden und die Ungewissheit der Zukunft inmitten des Regenwaldes verarbeitet?
Ich stehe auf, gehe ins Arbeitszimmer und hole das Fotoalbum aus dem Schrank. Ich suche mir die Fotos von meinem Besuch und Aufenthalt in Neuthard.




Ich betrachte mit Zuneigung, was die Fotos eingefangen haben: eine Hauptstraße, alte Häuser, das Neutharder Rathaus und eine junge Brasilianerin vor dem Gasthaus „Zum Engel“. Nach 162 Jahren stehe ich da, wo alles für meine Familie begann. Hier in dieser Straße, in diesem Gebäude lebte Michael Schäfer, mein Ur-, Ur-, Urgroßvater. Von diesem Ort ist er mit seiner Familie 1863 nach Brasilien ausgewandert.
Beim Betrachten der Bilder und Abruf des Erlebten überkam mich eine Welle der Geborgenheit. Ein Teil von mir gehört zweifelsohne hierher.
Erinnerungen sind wie eine Zeitmaschine, die es uns ermöglicht, besondere Momente, die uns sehr am Herzen liegen, wieder zu erleben. Das Betrachten von Fotos, Tagebüchern und anderen Aufzeichnungen kann uns ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln und uns ein besseres Verständnis dafür geben, wer wir heute sind und was uns dorthin gebracht hat, wo wir jetzt sind. Deshalb sind Familienerinnerungen für mich so wichtig. Diese Erinnerungen helfen uns, unsere Kultur zu bewahren und zu sehen, wie sich unsere Familien im Laufe der Zeit verändert haben. Sie ermöglichen es uns, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verbinden.






Emilia Rosenbrock

August 2025,  Brusque, Brasilien