Erinnerungen an die Handharmonika meines Vaters
Mein Vater erwarb etwa im Jahr 1933 eine Handharmonika. Als er in den Krieg ziehen musste, bewahrte meine Mutter die Handharmonika im Schlafzimmerschrank auf. Bereits im Alter von vier Jahren holte ich die Handharmonika aus dem Schrank, setzte mich auf den Boden im Schlafzimmer meiner Eltern und spielte auf den Knöpfen. Meine Mutter versteckte sie danach erneut im Schrank, doch ich fand sie immer wieder und versuchte weiter darauf zu spielen. Schließlich nahm meine Mutter sie mir nicht mehr weg, da sie hörte, wie ich darauf das Lied „Hänschen klein“ spielen konnte.
Als mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, hörte ich ihm oft beim Harmonika-Spielen zu. Dabei sang er oft Soldatenlieder, die ich auch lernte. Es waren traurige Lieder voller Herzschmerz.
Jahre später übergab er mir seine Handharmonika auf Dauer. Ich spielte die Lieder, die ich von meinem Vater hörte und die beim Tabakfädeln gesungen wurden. Offiziell habe ich nie gelernt, die Handharmonika zu spielen. Was ich spielen kann, habe ich autodidaktisch gelernt, ähnlich wie ich es von meinem Vater lernte.
Im Laufe der Zeit entstanden in der Handharmonika kleine Öffnungen im Klangkörper, die das Spielen erschwerten. Daher habe ich sie der Heimatforschung Neuthard als Ausstellungsstück zur Verfügung gestellt.
Während eines Urlaubs in Oberstaufen bemerkte ich, dass die Hausbesitzerin eine ähnliche Handharmonika besaß. Abends spielte sie ihren Gästen auf diesem Instrument vor. Ich war davon so begeistert, dass ich sie nach der Herkunft des Instruments fragte. Daraufhin fuhren mein Mann und ich nach Martinszell bei Oberstaufen, um eine neue Handharmonika zu erwerben, die ich bis heute besitze und weiterhin spiele.
Deshalb spiele ich auch heute noch nach Gehör und Gefühl. Sollte ein Misston vorkommen, bitte ich um Verzeihung, es ist meine Art zu spielen.
Anni Storck geb. Geißler
Neuthard, 20.05.2025